#arbeit #change #atmosphären
Organisationen bestehen aus zwei Dimensionen: einer formalen Ordnung, die sich planen und auf dem Papier neu zeichnen lässt, und einer informellen, kulturellen Ordnung. Beide folgen unterschiedlichen Logiken und brauchen deshalb unterschiedliche Herangehensweisen, um sie zu verstehen und zu gestalten. Dieser Text erklärt mithilfe der Praxistheorie, woraus Kultur tatsächlich besteht, und macht den Zusammenhang zwischen Kultur und Struktur greifbar; Methoden aus der Emotionsforschung lassen dabei kulturelle Muster sichtbar werden, die sonst verborgen bleiben. Transformationen zu begleiten bedeutet, Menschen dabei zu helfen, auf neuen Pfaden durch unbekanntes Gelände zu gehen – das erfordert echte Führung, nicht nur das die Definition abstrakter Ziele. Wer das versteht, gewinnt Gestaltungsspielraum zurück, wo oft nur Appelle erklingen. (15 Minuten Lesezeit)
1. Einstieg: Mein Chef muss das entscheiden
Ein mittelständisches Unternehmen hat ein halbes Jahr hinter sich, in dem alles richtig gemacht wurde. Eine Beratung wurde engagiert, ein neues Organigramm entworfen, die Rollen sauber geschnitten. Es gibt jetzt Produktverantwortliche, die vorher Abteilungsleiter waren, und Teams, die selbst entscheiden sollen, was früher die Ebene darüber entschied. Workshops wurden gehalten, die neue Aufstellung hängt ausgedruckt im Flur. Auf dem Papier ist die Organisation eine andere geworden. Und dann steht an einem gewöhnlichen Dienstag jemand aus dem Vertrieb im Türrahmen seines früheren Abteilungsleiters und fragt, ob er das Angebot so rausschicken darf. Der Abteilungsleiter, der laut neuem Modell nichts mehr freizugeben hat, nickt. Wie kommt das?
Was sich geändert hat, ist nur die eine von zwei Ordnungen, nach denen eine Organisation funktioniert. Die erste ist das formale System: Aufbau- und Ablauforganisation, Rollen, Zuständigkeiten, Berichtswege. Sie ist kein Selbstzweck, sondern auf Wertschöpfung gerichtet — sie soll dafür sorgen, dass am Ende ein Ergebnis entsteht. Sie ist aufgeschrieben und planbar, und genau sie wurde umgestellt. Die zweite Ordnung ist die informelle Struktur, das, was man meist Kultur nennt. Sie steht nirgends geschrieben und wirkt trotzdem verlässlich: Sie zeigt sich darin, an wen man sich wendet, wenn eine Entscheidung Folgen haben könnte — und hier führte sie den Vertriebsmann zur vertrauten Tür. Sie liegt nicht in Dokumenten, sondern in den eingespielten Handlungen des Alltags, und sie hat sich nicht mitverändert, als das Organigramm wechselte.
Kultur verstehen - Ein neuer Ansatz
An dieser Stelle setzt ein verbreiteter Denkfehler an. Er lautet: Ändert man das formale System, passt sich das Verhalten von selbst an. Das ist nicht ganz falsch — neue Strukturen verschieben tatsächlich, was Menschen tun. Aber es gerät regelmäßig außer Kontrolle, weil die informelle Struktur ihrer eigenen Logik folgt und sich dem formalen Zugriff entzieht. Im günstigen Fall ergänzt sie die Wertschöpfung, indem sie nicht stört; im ungünstigen läuft sie ihr zuwider. Der Anspruch, Kultur an die Unternehmensziele anzupassen, ist deshalb berechtigt. Nur unterschätzt er, wie wenig sich diese zweite Ordnung von der ersten her steuern lässt.
Das liegt auch daran, dass Kultur bis heute schlecht verstanden ist. Systemische, psychologische und pädagogische Erklärungen leuchten den Weg ein Stück weit aus, doch am Ende bleibt sie oft das, wofür sie gehalten wird: etwas fast Magisches, ein unberechenbarer Geist, gegen den kein Plan ankommt. Komplex und ungreifbar. Dieser Text widerspricht diesem narrativ in Teilen. Die informelle Struktur besteht aus dem, was Menschen im Arbeitsalltag tatsächlich und wiederholt tun, und das lässt sich beobachten, verstehen und beeinflussen.
Dafür gibt es eine sozialwissenschaftliche Perspektive, die genau auf diesen Alltagsvollzug schaut; sie einmal anzulegen, ist der Vorschlag dieses Textes. Sie verspricht keine weitere Methode, sondern eine klarere Sicht — und damit Handlungsmöglichkeiten an Stellen, an denen bisher nur Appelle blieben. Das meint Doing Transformation: Wandel ist nichts, was eine Organisation beschließt und dann besitzt, sondern etwas, das sie täglich vollzieht oder eben unterlässt.
2. Zwei Dimensionen von Organisation
Die angekündigte Perspektive lässt sich am besten verstehen, wenn man sie der vertrauten gegenüberstellt. Eine Organisation zu verändern, kann man von zwei Seiten angehen, und beide sind hilfreich. Es lohnt sich, sie zunächst sauber zu trennen, bevor man sie zusammenbringt.
Organisationsdesign auf dem Reißbrett
Die erste Seite ist das Reißbrett. Eine Organisation muss ihre Arbeit verlässlich erledigen, und dafür braucht sie eine formale Ordnung: Es muss feststehen, wer welche Rolle hat, wer worüber entscheidet, wer an wen berichtet. Diese Ordnung hält man in Organigrammen, Stellenbeschreibungen und Prozessdiagrammen fest. Sie ist nicht das Problem einer Transformation, sondern ihre Voraussetzung. Ohne sie wüsste niemand, woran er ist. Wenn im Folgenden von den Grenzen des Reißbretts die Rede ist, dann nicht, um es abzuwerten, sondern um zu zeigen, was es allein nicht leisten kann. Das Reißbrett beschreibt, wie in einer Organisation gearbeitet werden soll. Was die Menschen tatsächlich tun, wenn niemand auf das Organigramm schaut, ist damit noch nicht gesagt. Dieser Unterschied zwischen dem vorgesehenen und dem gelebten Arbeiten ist die zweite Seite.
Die Trinität der Alltags-Praktiken
Für sie gibt es eine eigene wissenschaftliche Perspektive: die Praxistheorie, auch Praxeologie genannt. Sie ist eine Richtung innerhalb der Soziologie, und ihr Grundgedanke ist einfach. Sie fragt nicht zuerst nach den Strategien, Werten oder Leitbildern einer Organisation, sondern nach dem, was die Menschen in ihr konkret und immer wieder tun. Im Zentrum steht der Begriff der Praktik. Eine Praktik ist eine eingespielte, wiederkehrende Handlung des Alltags — nichts Spektakuläres, gerade das Selbstverständliche: das morgendliche Status-Meeting, die kurze Rückfrage beim Vorgesetzten vor einer Freigabe, das Pflegen eines Tickets im System. Eine Organisation besteht, so gesehen, aus unzähligen solcher Praktiken, die Tag für Tag vollzogen werden.
Material, Kompetenz und Bedeutung
Woraus besteht eine solche Praktik? Was muss zusammenkommen, damit eine alltägliche Handlung gelingt? Die Soziologin Elizabeth Shove hat darauf zusammen mit Mika Pantzar und Matt Watson eine einflussreiche Antwort gegeben: Jede Praktik setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen, die gleichzeitig vorhanden sein müssen.
- Den ersten bilden die Materialien — die Dinge, ohne die sich die Handlung nicht vollziehen lässt: Räume, Werkzeuge, Software, Infrastruktur. Bemerkenswert ist, dass dieses Modell auch den menschlichen Körper zu den Materialien zählt, denn auch er ist ein physisches Mittel des Handelns.
- Den zweiten bilden die Kompetenzen, womit nicht theoretisches Wissen gemeint ist, sondern das praktische Können im Vollzug — das eingeübte Wissen, wie man etwas tut, oft so verinnerlicht, dass man es gar nicht mehr bemerkt.
- Den dritten bilden die Bedeutungen: der Sinn, den eine Handlung für die Beteiligten hat — wofür man sie tut, was sie einem wert ist, welche Sicherheit oder welchen Status sie verleiht.
Wie diese drei zusammenwirken, zeigt sich an einem Beispiel: Dem Wechsel vom eigenen Auto zum Carsharing. Wer früher einen Wagen besaß, hatte das Material in der Auffahrt und den Schlüssel am Brett, beherrschte den Umgang mit Werkstatt und TÜV und verband mit dem Auto häufig ein Stück Status und Freiheit. Carsharing verschiebt alle drei Bestandteile zugleich: An die Stelle des eigenen Wagens treten Smartphone, App und eine Flotte im öffentlichen Raum; das nötige Können ist nun ein anderes — das Auto per App finden, entriegeln, einen Schaden per Foto melden; und auch der Sinn verschiebt sich, vom Besitzen zum Nutzen, von der Auffahrt zur urbanen Beweglichkeit. Die eigentliche Neuerung ist dabei weder die App noch der ökologische Gedanke für sich genommen. Sie entsteht erst, wo Menschen diese drei veränderten Elemente im Alltag neu miteinander verbinden.
Entscheidend ist also die Verbindung der drei. Eine Praktik läuft nur, solange Materialien, Kompetenzen und Bedeutungen miteinander verknüpft bleiben. Damit wird sichtbar, warum ein neues Organigramm allein noch keine Veränderung ist. Auf dem Reißbrett lässt sich eine neue Ordnung beschließen — real wird sie im Alltag aber erst, wenn sich die drei Bestandteile der täglichen Praktiken tatsächlich neu zusammenfügen. Bis dahin bleibt die alte Praktik in Kraft, gleichgültig, was auf dem Papier steht. Beschlossen ist eben nicht dasselbe wie wirklich.
3. Planungsebenen in Transformationsprozessen
Daraus ergibt sich ein Verdacht, der viele Verantwortliche beunruhigt: Wenn eine Veränderung erst real wird, sobald sich die alltäglichen Praktiken neu zusammenfügen — lässt sich Transformation dann überhaupt noch planen? Oder bleibt nur, abzuwarten, was die Leute von selbst tun?
Die Sorge verkennt, worum es geht. Dass eine Organisation geplant werden muss, steht nicht in Frage; sie existiert, um einen Mehrwert hervorzubringen, und das verlangt eine durchdachte Ordnung — wer welche Aufgabe übernimmt, wie die Arbeitsschritte ineinandergreifen, an welcher Stelle aus Aufwand ein Ergebnis wird. Diese Planung des Wertstroms ist die Grundlage jeder Wertschöpfung, und die Implikationen der Praxistheorie stellen das nicht in Frage. Der praxeologische Blick kann stattdessen mehr Sicherheit geben, weil wir damit eine Möglichkeit an die Hand bekommen, auch Kultur zu analysieren, gezielte Maßnahmen zu ergreifen und Menschen sicher durch Transformationen zu begleiten.
Linien und Pfade
Was Planung in dieser Perspektive bedeutet, lässt sich genauer sagen. Sie beginnt mit dem gemeinsamen Ziel: Wohin soll die Organisation überhaupt? Aus diesem Ziel leitet sich das Organisationsdesign ab, die formale Ordnung, die den Weg dorthin tragen soll. Diese Ordnung gleicht den Linien auf einem Plan — schnell gezogen, mehr oder weniger gut berechenbar, von heute auf morgen neu ansetzbar. Eine neue Linie ist beschlossen, sobald sie gezeichnet ist.
Die Kultur folgt einer anderen Art von Weg. Sie läuft auf Trampelpfaden: jenen Spuren, die entstehen, wenn viele Menschen immer wieder dieselbe Strecke gehen. Ein Trampelpfad lässt sich nicht zeichnen. Er entsteht nur durch Wiederholung und braucht Zeit, bis er breit und selbstverständlich genug ist, dass man ihm ohne Nachdenken folgt — und ebenso braucht ein alter, nicht mehr begangener Pfad seine Zeit, bis er wieder zuwächst. Genau hier liegt der Unterschied zwischen den beiden Ordnungen: Die formale Struktur läuft entlang gezeichneter Linien, die Kultur läuft auf gewachsenen Pfaden.
Eine Transformation will die neuen Pfade dort haben, wo die neuen Linien verlaufen. Doch die Pfade entstehen nicht dadurch, dass man die Linien zieht. Sie entstehen erst, wenn die Menschen die neue Strecke tatsächlich gehen — und am Anfang führt diese Strecke übers offene Feld, durchs Gebüsch, wo noch kein Weg ist. Darin besteht die Arbeit der Transformationsbegleitung: den Menschen so lange über das unwegsame Gelände zu helfen, bis sich entlang der gewünschten Linie ein tragfähiger Pfad gebildet hat. Nicht ein Beschluss verändert die Kultur, sondern das wiederholte, gestützte Gehen, bis der neue Weg sich von selbst trägt.
Das Ziel ist deshalb nicht, die eine Ebene der anderen unterzuordnen, sondern Linie und Pfad so gut es geht zur Deckung zu bringen: Die gelebte Praxis stützt die geplante Ordnung, und die geplante Ordnung macht im besten Fall genau die Praxis leicht, die man sich wünscht. Dann ziehen Struktur und Kultur in dieselbe Richtung. Darin liegt das eigentliche Ziel einer Transformation.
4. Warum sich Kultur nicht durch Erklärungen verändert
Wenn Struktur und Kultur in dieselbe Richtung ziehen sollen, muss man die Kultur zunächst auf ihrer eigenen Ebene verstehen — und diese Ebene folgt einer anderen Logik als das Reißbrett. Das hat eine praktische Folge, die man oft erst spät bemerkt. Das Systemdesign entsteht auf dem Papier — es lässt sich zeichnen, beschließen, kommunizieren. Die Kultur dagegen entsteht nicht auf dem Papier, sondern in Räumen und sozialen Situationen, im konkreten Beieinander von Menschen und Dingen. Wer sie verstehen will, muss dorthin schauen, wo sie sich abspielt. Genau das ist die Stärke der praxeologischen Brille.
Atmosphären und soziale Situationen
Für das, was in solchen Räumen und Situationen wirkt, gibt es einen Begriff, der zunächst nach Hokuspokus klingen mag: Atmosphäre. Er ist kein esoterisches Beiwerk, sondern stammt aus der Phänomenologie — einer einflussreichen philosophischen Schule des frühen 20. Jahrhunderts, die untersucht hat, wie wir die Welt wahrnehmen, bevor wir über sie nachdenken. Sie arbeitet gern mit Begriffen, die zwischen zwei vertrauten Phänomenen liegen, und einige davon sind tief in die praxeologische Theorietradition eingewoben. Die Atmosphäre ist ein solcher, analytischer Zwischenbegriff.
Was ist damit gemeint? Man kennt den Unterschied aus eigener Erfahrung: Neonlicht über einem langen, harten Konferenztisch, an dem grimmige Männer in Anzügen sitzen, löst etwas anderes aus als ein Wald im Spätsommer, durch dessen orangenes Blätterdach warmes Licht auf spielende Hundewelpen fällt. Gemeint ist nicht die Möbelierung der beiden Orte, sondern das Gefühl, das einen ergreift, sobald man sie betritt — und das stille, mitlaufende Wissen darüber, als wer man hier ist, was erlaubt ist und was nicht. Das ist Atmosphäre. Sie liegt nicht einfach in den Dingen und nicht einfach in uns, sondern dazwischen: Sie entsteht, wo unsere leibliche Wahrnehmung auf die Dinge trifft, vor dem Hintergrund dessen, was wir gelernt und meist in einer Gesellschaft gemeinsam verinnerlicht haben.
Weil dieser Hintergrund kulturell geprägt ist, fällt die Wahrnehmung je nach Gruppe verschieden aus. Dasselbe lockere Check-in mit Emojis im neuen Workshopraum ruft in der einen Teamkultur Begeisterung hervor, in der anderen Widerstand. Kühles Design und betonter Status gelten in der einen Organisation als erstrebenswert, in der anderen erzeugen sie sofort Abwehr. Nicht die Sache selbst entscheidet darüber, sondern der geteilte Hintergrund, vor dem sie wahrgenommen wird.
Praktiken und Affekte in Atmosphären
Hier schließt sich der Kreis zur Praxistheorie: In Atmosphären bekommen Dinge und Handlungen ihre Bedeutung. Ein Taufbecken ist nur in der Kirche und vor dem kulturellen Hintergrund, den wir dazu verinnerlicht haben, ein Taufbecken; ohne diesen Hintergrund und ohne das nötige Wissen ist es eine Schüssel mit Wasser. Je nachdem, was in einer Kultur als selbstverständlich gilt, geben die Dinge in ihrer Atmosphäre uns einen Wink, wie wir uns zu verhalten haben — und wie nicht. Man kann das einen affektiven Bezug zu den Dingen nennen: einen Hin-zu- oder Weg-von-Reflex, der so tief in uns eingeschrieben ist, dass er unseren Weltbezug, unsere Handlungen und unsere Gedanken vorstrukturiert, bevor sie uns bewusst werden. Genau das meint der Begriff des Affekts in diesem Zusammenhang: eine prä-reflexive Regung, die vor jedem Urteil liegt. Manches stößt uns ab, spannt an, erzeugt Widerstand; anderes löst, zieht an, weckt Bereitschaft — und all das, ehe wir auch nur einen Gedanken darüber gefasst haben.
Ich hole hier bewusst aus, weil an dieser Stelle der zentrale Punkt dieses Textes liegt: Der Umgang mit Atmosphären — ihre Gestaltung und ihre Bedeutung — wird in den verbreiteten Transformationsansätzen nicht annähernd so hoch bewertet, wie es ihm zukäme. Das zeigt sich an einem Muster, das kulturellen Wandel aus der Erfahrung heraus besonders erschwert: Von den Menschen wird etwas radikal Neues verlangt, während das Alte unangetastet bleibt. Der Apell an die Belegschaft lautet häufig: Es geht um euer Mindset — seid jetzt bitte jemand anderes, in genau denselben Situationen wie zuvor. Das kann nicht aufgehen, denn wir sind mit unserer Welt nicht über unsere Gedanken verbunden, sondern über unsere Wahrnehmung — über das, was wir prä-reflexiv und unhinterfragt für wahr nehmen. (Hinzu kommt, dass sich in Atmosphären auch Machtverhältnisse konservieren; deshalb haben selbst bei gut gemeinten Transformationen nicht alle Gruppen das gleiche Interesse daran, die bestehenden Strukturen und Atmosphären aufzubrechen.)
Um das zuzuspitzen, eine Behauptung: Wenn eine Transformation eine Kultur der Offenheit anstrebt und Hierarchien abbauen will, die wichtigen Besprechungen aber weiter in denselben Räumen stattfinden wie in den letzten dreißig Jahren, dann wird das nicht gelingen. Alle sitzen auf demselben Platz, tragen dieselbe Kleidung, zeigen dieselbe Mimik, benutzen dieselbe Sprache; es sind derselbe Tisch, dieselben Lampen, dieselben ungeschriebenen Regeln. Diese Atmosphäre sagt jedem, der die alte Kultur kennt: Wir stehen am selben Fleck wie vorher. Und solange sie das sagt, wird sich das gewohnte Verhalten eher verstärken als wandeln, weil die affektive Grundstruktur der Situation unverändert geblieben ist.
Ende des Theorie-Blocks: Zusammenfassung
Damit lässt sich der kleine Theorieknoten dieses Abschnitts auflösen. Praktiken bestehen aus Material, Kompetenz und Bedeutung. Diese drei fallen in Atmosphären zusammen: in bedeutungsgeladenen Räumen und sozialen Situationen, die uns ein bestimmtes Verhalten nahelegen und ein bestimmtes Können von uns verlangen. Solange Räume und Situationen gleich gestaltet bleiben, ändern sich auch die Praktiken kaum — gleichgültig, was beschlossen wurde. Das erklärt zugleich, warum reines Erklären an dieser Stelle abprallt: Es richtet sich an den Verstand, während die Praktik auf einer affektiven Ebene in der Atmosphäre entschieden wird, noch vor dem Argument.
Daraus ergibt sich die nächste Frage von selbst. Wenn die affektive Grundstruktur einer Kultur darüber mitentscheidet, welche Praktiken gelingen, dann muss man sie kennen, bevor man eingreift. Man muss die Affektmuster einer Organisation erkennen können — verstehen, welche Praktiken Sicherheit tragen und welche Abwehr auslösen —, um zu wissen, welche man schon umgestalten kann und welche noch nicht. Wie sich solche Muster sichtbar machen lassen, davon handelt der nächste Abschnitt.
5. Affekte sichtbar machen
Wenn die Affektmuster einer Organisation erkennbar sein sollen, stellt sich sofort eine Schwierigkeit, die den ganzen Abschnitt bestimmt. Der naheliegende Weg wäre, die Leute zu fragen. Doch die direkte Frage führt hier in die Irre. Wer im Fragebogen wissen will, wie die Mitarbeiter zur Hierarchie stehen, erhält oft die gelernte, sozial erwünschte Antwort: zu starr, man wünsche sich flachere Strukturen. Dieselbe Hierarchie kann zugleich ein tiefes Gefühl von Entlastung und Sicherheit tragen — nur sagt das möglichrweise niemand, weil es nicht zur erwarteten Haltung passt und weil es den meisten nicht einmal bewusst ist. Die Befragung erreicht den Verstand. Der Affekt aber liegt davor: Er hat die Praktik schon eingefärbt, ehe das Urteil überhaupt gebildet wird.
Daraus ergibt sich das gemeinsame Kennzeichen aller brauchbaren Methoden: Sie dürfen nicht nach Meinungen fragen, sondern müssen den Affekt dort erfassen, wo er entsteht — vor dem Urteil, im Moment des Empfindens selbst. Es gibt dafür qualitative Wege, die in die Tiefe einzelner Erfahrungen gehen, und quantitative, die Muster über viele Menschen hinweg vergleichbar machen.
Qualitative Verfahren: dem Empfinden auf der Spur
-
Das mikrophänomenologische Interview
Das mikrophänomenologische Interview geht auf den französischen Psychologen Pierre Vermersch zurück und wurde von Claire Petitmengin zu einem präzisen Verfahren ausgearbeitet. Es fragt nicht nach einer Bewertung, sondern führt die befragte Person zurück in einen einzelnen, genau umrissenen Moment — etwa die Sekunde, in der die neue Software im Meeting angekündigt wurde. Statt „Wie fanden Sie das?" lautet die Frage, was in genau diesem Augenblick geschah: Veränderte sich der Atem, zog sich etwas zusammen, gab es einen Impuls? So lässt sich der Moment rekonstruieren, bevor das Erlebte in ein Urteil übersetzt wurde. -
Shadowing
Das Shadowing ist eine etablierte Beobachtungsmethode der Organisationsforschung, die hier um eine affektive Lesart erweitert wird — eine Spielart, die unter dem Namen affektive Ethnographie entwickelt wurde. Die begleitende Person beobachtet nicht, ob Prozesse eingehalten werden, sondern wie sich die Körper im Raum verhalten. Wo wird geseufzt, wo sacken Schultern herab, wo wird die Atmung flach — und wo entspannen sich Gesichter, wo lehnt man sich vor? Der Vorzug liegt darin, dass diese Beobachtung nicht auf Selbstauskünfte angewiesen ist; sie liest die wiederkehrenden körperlichen Muster, etwa beim wöchentlichen Jour fixe, unabhängig davon, was die Beteiligten über sich sagen würden. -
Affektives Mapping
Das affektive oder soziomateriale Mapping ist weniger ein festes Verfahren als eine Familie visueller, partizipativer Methoden, und es hat keine kanonische Anleitung — entsprechend frei lässt es sich an den eigenen Fall anpassen. Das Grundprinzip: Die Mitarbeitenden erhalten eine stilisierte Karte ihrer Organisation — Räume, digitale Werkzeuge, wiederkehrende Besprechungen — und markieren darauf die affektive Färbung der einzelnen Orte und Praktiken: wo Enge, Druck oder Erschöpfung sitzen, und wo Weite, Sicherheit oder Energie. So werden die affektiven Brennpunkte einer Organisation sichtbar, und es zeigt sich oft, dass es bestimmte Räume oder Werkzeuge sind, die das Empfinden kollektiv prägen.
Quantitative Verfahren: Muster vergleichbar machen
- Semantisches Differential der Praktiken
Das semantische Differential der Praktiken geht auf den Psychologen Charles Osgood zurück. Statt nach Zustimmung zu fragen, lässt man eine bestimmte Praktik — das Morgen-Check-in, die Freigabe durch den Vorgesetzten — auf einer Skala zwischen leibnahen Gegensatzpaaren einordnen: warm und kalt, eng und weit, schützend und bedrohlich, belebend und erschöpfend. Weil diese Paare das Empfinden ansprechen und nicht die Haltung, umgehen sie die übliche Abwehr; aus den Werten lässt sich ein Profil der jeweiligen Praktik berechnen, in dem etwa die Hierarchie hoch auf „schützend" und das agile Check-in hoch auf „kalt" liegen kann. - Experience-Sampling
Die Experience-Sampling-Methode wurde in den 1970er-Jahren von Mihaly Csikszentmihalyi und Kollegen entwickelt. Über eine App werden die Mitarbeitenden im laufenden Arbeitsalltag in kurzen, zufällig oder ereignisgebunden ausgelösten Momenten nach ihrem augenblicklichen Befinden gefragt — unmittelbar nach dem Schließen eines Tickets oder nach dem Verlassen einer Sitzung. Der Gewinn liegt im Zeitpunkt: Das Empfinden wird im Moment des Vollzugs erfasst, bevor die Erinnerung es nachträglich glättet und in eine vernünftig klingende Geschichte verwandelt.
Mit den Daten allein ist es nicht getan; sie müssen gelesen werden. Aufschlussreich wird das Material erst, wo die Verfahren sich gegenseitig stützen — wenn etwa die im Mapping rot markierte Besprechung im semantischen Differential hohe Werte auf „eng" und „bedrohlich" erhält und das Experience Sampling unmittelbar danach gedrückte Stimmung zeigt. Wo qualitatives Spüren und quantitatives Profil in dieselbe Richtung weisen, liegt ein belastbares Muster vor und nicht ein Einzeleindruck. Aus dieser Zusammenschau entsteht die affektive Landkarte: eine Übersicht darüber, welche Praktiken Sicherheit stiften und welche Unsicherheit auslösen.
Diese Landkarte gibt zugleich den Fokus vor. Sie ordnet die Praktiken nicht danach, was am dringendsten verändert werden müsste, sondern danach, was sich gefahrlos verändern lässt — und was nicht. Praktiken, die stark anziehend wirken und Sicherheit tragen, sind die heiklen Stellen: Sie zuerst und ersatzlos zu streichen, bringt die Transformation möglicherweise zum Kippen. Praktiken, die ohnehin abstoßend wirken, lassen sich früh angehen, oft mit spürbarer Erleichterung. Der richtige Fokus beginnt also nicht beim größten Reformbedarf, sondern bei der Frage, welche Sicherheiten man antastet — und in welcher Reihenfolge. Womit sich die letzte Frage stellt: Was tut man mit den Praktiken, die man nicht einfach streichen kann?
| Methode | Typ | Was sie erfasst | Wozu sie nützlich ist |
|---|---|---|---|
| Mikrophänomenologisches Interview | qualitativ | Den einzelnen leiblichen Moment vor dem Urteil | Legt den vorbewussten Kern einer Erfahrung frei |
| Shadowing (affektive Ethnographie) | qualitativ | Sichtbare körperliche Muster im gemeinsamen Vollzug | Gibt Erkenntnisse unabhängig von Selbstauskünften |
| Affektives Mapping | qualitativ / visuell | Räumliche und digitale Verortung von Enge und Weite | Macht affektive Brennpunkte sichtbar |
| Semantisches Differential | quantitativ | AffektiveProfile einzelner Praktiken | Mach Wahrnehmungen vergleichbar, umgeht die rationale Abwehr |
| Experience Sampling (ESM) | quantitativ | Das Befinden im Moment des Vollzugs | Direkte Datensammlung ohne nachträgliche Verzerrung |
6. Das funktionale Äquivalent
Damit ist die letzte Frage gestellt: Was tut man mit den Praktiken, die Sicherheit tragen und sich gerade deshalb nicht einfach streichen lassen? Die Antwort liefert ein Begriff, der ursprünglich aus der Systemtheorie stammt: das funktionale Äquivalent. Der Gedanke dahinter ist schlicht. Statt zu fragen, was eine Praktik ist, fragt man, welche Funktion sie erfüllt — und sucht dann eine andere Lösung, die dieselbe Funktion erfüllt. Nicht die Praktik selbst ist unverzichtbar, sondern das, was sie leistet.
Für die Transformation folgt daraus eine klare Reihenfolge. Manche alten Praktiken wirken affektiv anziehend, weil sie Sicherheit stiften: die Freigabe durch den Vorgesetzten, die wöchentliche Statusmeldung, die feste Hierarchie. Nimmt man sie ersatzlos weg, verschwindet nicht nur eine Zuständigkeit, sondern eine Quelle von Halt. Es entsteht ein affektives Vakuum, und in dieses Vakuum hinein kippt die Transformation kulturell: Die Menschen suchen sich informelle Ersatzwege, ziehen sich zurück oder kehren bei der ersten Gelegenheit zur alten Praktik zurück. Deshalb muss das Äquivalent vorhanden sein, bevor die alte Praktik fällt oder gemeinsam mit den betroffenen gesucht werden — und es muss leiblich spürbar sein, nicht bloß als Zusage formuliert. „Wir vertrauen euch jetzt" ist kein Äquivalent. Ein Äquivalent hat einen Ort, ein Verfahren, eine Form.
Wie das aussieht, zeigt der Fall vom Anfang, wenn die Freigabe durch den Chef wegfällt. Das Äquivalent setzt dann an allen drei Bestandteilen der Praktik an:
- Material:
Als Material ein klares, verbindliches Entscheidungs-Framework — eine einfache Regel, die festlegt, wer innerhalb welcher Grenzen ohne Rücksprache handeln darf, und die den abwesenden Chef als greifbarer Anker ersetzt; - Kompetenz:
Als Kompetenz ein eingeübtes Entscheidungsverfahren, das so oft durchgespielt wurde, dass das Team im Konfliktfall weiß, was zu tun ist — Methodensicherheit an der Stelle der personellen Sicherheit; - Bedeutung:
Als Bedeutungs-Transformator kann z.B. ein ein Ritual dienen, das Fehler nicht als Schuld, sondern als Lernen rahmt, damit der Wegfall der schützenden Instanz nicht als Bedrohung erlebt wird.
An welchen Stellen ein solches Äquivalent nötig ist, kann die affektive Landkarte aus dem vorigen Abschnitt sichtbar machen. Sie zeigt, welche Praktiken Sicherheit tragen — und damit, wo ein Ersatz bereitstehen muss, bevor man etwas wegnimmt.
Fazit: Transformation braucht echte Führung
Das funktionale Äquivalent ist allerdings nur eine einzelne Ableitung. Die größere Einsicht liegt darin, was dieser ganze Weg über das Wesen von Transformation sagt — und damit über den Begriff, der diesen Text trägt. Eine Veränderung am Reißbrett ist schnell vollzogen: Man zeichnet eine neue Linie, beschließt sie, kommuniziert sie. Doing Transformation meint das Gegenteil davon, nicht weil das Reißbrett überflüssig wäre, sondern weil die zweite Ordnung sich nicht zeichnen lässt. Sie wird durchlebt, nicht angeordnet. Eine kulturelle Veränderung geschieht nicht in dem Augenblick, in dem sie verkündet wird, sondern in den vielen Situationen, in denen Menschen anfangen, anders zu handeln — und das fällt ihnen zunächst schwer, weil der vertraute Pfad noch unter ihren Füßen liegt und der neue erst durchs Gebüsch führt.
Für die Planung heißt das: Sie endet nicht mit dem Organisationsdesign, sie beginnt dort. Geplant wird die formale Ordnung, doch der eigentliche Aufwand liegt danach — in der Gestaltung der Situationen, in denen die neuen Praktiken eingeübt werden, und in der Geduld, die ein Trampelpfad braucht, bis er trägt. Und für die Begleitung heißt es, dass ihre Arbeit nicht im Erklären besteht, sondern im Hinüberhelfen: Menschen über den unwegsamen Abschnitt zu bringen, ihnen die neuen Kompetenzen anzueignen, die der neue Weg verlangt, und ihnen so lange Halt zu geben, bis sie ihn nicht mehr brauchen.
Genau das ist der Grund, warum eine so verstandene Transformationsbegleitung Führung ist — gleichgültig, ob sie ein Vorstand ausübt, eine Abteilungsleiterin oder ein Agile Coach. Führung bedeutet hier nicht, eine Richtung vorzugeben und auf Befolgung zu warten. Sie bedeutet, Menschen im Wortsinn durch Unsicherheit zu führen: durch jene Phase, in der das Alte schon weggenommen und das Neue noch nicht selbstverständlich ist, bis sie selbst weitergehen können. Wer diese Strecke begleitet, führt — und wer formal führt, ohne diese Strecke zu begleiten, hat die Transformation an der entscheidenden Stelle sich selbst überlassen.
Es bleibt der Einwand, der am Anfang stand: Kultur sei ein unberechenbarer Geist, gegen den kein Plan ankommt. Dieser Text widerspricht ihm, ohne in das andere Extrem zu verfallen. Die beiden Ordnungen lassen sich nicht ineinander auflösen; sie folgen verschiedenen Logiken und verlangen verschiedene Praktiken und Methoden. Aber sie lassen sich annähern. Und Kultur ist eben kein Geist: Sie geschieht in Atmosphären, in Räumen und Situationen, direkt vor unseren Augen. Wer versteht, wie Material, Kompetenz und Bedeutung dort zusammenwirken, erkennt, dass er mehr Gestaltungsspielraum hat, als ihm bewusst war. Auch das neue Organigramm ist nichts anderes als Material — ein einzelnes Element unter dreien, das für sich genommen nichts bewegt und seine Wirkung erst entfaltet, wenn Können und Bedeutung mit ihm zusammenfinden. Es zu wechseln, ist leicht. Die Kunst der Transformation liegt darin, das Können und die Bedeutung mitzunehmen — und das tut man nicht auf dem Papier, sondern Schritt für Schritt, im gelebten Vollzug.
Literatur
- Böhme, G. (1995). Atmosphäre: Essays zur neuen Ästhetik. Suhrkamp.
- Bourdieu, P. (1987). Sozialer Sinn: Kritik der theoretischen Vernunft (G. Seib, Übers.). Suhrkamp. (Original erschienen 1980 als Le sens pratique)
- Csikszentmihalyi, M., & Larson, R. (1987). Validity and reliability of the Experience-Sampling Method. The Journal of Nervous and Mental Disease, 175(9), 526–536. https://doi.org/10.1097/00005053-198709000-00004
- Czarniawska, B. (2007). Shadowing and other techniques for doing fieldwork in modern societies. Liber.
- Gherardi, S. (2019). Theorizing affective ethnography for organization studies. Organization, 26(6), 741–760. https://doi.org/10.1177/1350508418805285
- Giddens, A. (1984). The constitution of society: Outline of the theory of structuration. Polity Press.
- Hektner, J. M., Schmidt, J. A., & Csikszentmihalyi, M. (2007). Experience sampling method: Measuring the quality of everyday life. Sage.
- Merleau-Ponty, M. (1966). Phänomenologie der Wahrnehmung (R. Boehm, Übers.). de Gruyter. (Original erschienen 1945 als Phénoménologie de la perception)
- Osgood, C. E., Suci, G. J., & Tannenbaum, P. H. (1957). The measurement of meaning. University of Illinois Press.
- Petitmengin, C. (2006). Describing one's subjective experience in the second person: An interview method for the science of consciousness. Phenomenology and the Cognitive Sciences, 5(3–4), 229–269. https://doi.org/10.1007/s11097-006-9022-2
- Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. Norton.
- Shove, E., Pantzar, M., & Watson, M. (2012). The dynamics of social practice: Everyday life and how it changes. Sage.
- Vermersch, P. (1994). L'entretien d'explicitation en formation initiale et en formation continue. ESF.
Kommentar hinzufügen
Kommentare